Dieser Mann spielt alle Rollenspiele durch. Alle.

Chester Bolingbroke geht seine Leidenschaft methodisch an, man könnte auch sagen: akribisch. In einer Tabelle hat er alle Computerrollenspiele notiert, die er durchspielen will. 1191 Einträge umfasst die Liste derzeit, sie beginnt 1979 mit dem „Ultima“-Vorläufer „Akalabeth“ und endet im Jahr 2012. In den vergangen dreieinhalb Jahren hat Bolingbroke immerhin 117 der Titel durchgespielt, besprochen und in einer zweitenTabelle dokumentiert: Bewertung in zehn Kategorien, Spielzeit und Spieldauer. In insgesamt 2040 Stunden (das sind 85 Spieltage am Stück) hat er sein erstes Jahrzehnt Computerspielgeschichte geschafft. Er spielt gerade im Jahr 1990.

Hier das Stück über ihn bei Spielgel Online (Achtung! Ich lobe mich hier selbst), hier Chesters Blog CRPGaddict.

Ultima 1kl

Myrmidonen und Lamas

Eines der seltsameren Details früher Ausgaben von „Dungeons & Dragons“ und „Advanced Dungeons & Dragons“  waren die Stufentitulierungen. Nicht nur besaß jede Spielfigur eine Charakterklasse und eine Stufe. Es gab zusätzlich für jedes Level einen Titel, mit dem die Charaktere angesprochen worden. Oder auch nicht. Soweit ich mich entsinnen kann, wurde an keiner Stelle des Spiels erklärt, wie diese Titel eigentlich zu verwenden waren.

Hatte ein Krieger der dritten Stufe irgendwelche Litzen oder Abzeichen auf seiner Schulter, die Fremden zeigten, welche Stufe er besaß? Und wenn man von der fünften auf die sechste Stufe aufstieg, wie genau änderte sich dann der Titel? Kam jemand vom  Bundesamt für Heldenklassifizierung vorbei und händigte einem eine Urkunde mit dem neuen Titel aus?

Für jede Charakterklasse gab es eine Titelliste. Da es sich je Charakterklasse um 10-15 Titel handelte, passierte das Unvermeidliche: Irgendwann gingen den Spieledesignern die sinnvollen Bezeichnungen aus. Auch in einer vielfältigen, vokabelreichen Sprache wie dem Englischen gibt es eben nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten „Krieger“ oder „Priester“ zu sagen. Der erststufige Kämpfer in OD&D hieß (kontraintuitiverweise)  Veteran, dann Warrior (2), Swordsman (3) und Hero (4). Danach wurde es absurder. In der siebten Stufe hieß der Krieger beispielsweise Myrmidone.

Nicht viel besser erging es hochrangigen Priestern, die sich irgendwann Lamas nennen durften (mussten?). Am meisten wanden sich Designer beim Assassinen, für den es schlichtweg nicht so viele alternative Bezeichnungen gibt: Bravo (1), Rutterkin (2) und Waghalter (3) sind eher suboptimal.

Bei D&D folgte auf die ganzen seltsamen Titel irgendwann das so genannte Name Level. Hatte eine Spielfigur dieses erklommen, durfte sie sich endlich ein Schloss, einen Magierturm oder eine Diebesgilde bauen. Warum sie dies, das nötige Kleingeld vorausgesetzt, vorher nicht durfte, war nirgendwo erklärt. War halt so.

Die vollständige Liste der wunderlichen Titulierungen findet Ihr hier:

Bildschirmfoto 2013-09-13 um 12.29.45 Bildschirmfoto 2013-09-13 um 12.29.36

Bildschirmfoto 2013-09-13 um 12.29.28

Quelle: Wizards of the Coast

Bonus Fact:  Im beliebten Facebook-Spiel „Farmville“ gibt es zwar nur eine Charakterklasse – den Bauern. Diese hat aber insgesamt  100 Stufen.  Für jede gibt es eine Level-Titulierung. Eine kleine Auswahl: Kinderfarmer (2), Green Giant (20), Old Mc-Who?? (62) und Omnipotent Agriculturalist (100).

 

D&D-Regeldebatten 1974

Als von D&D weltweit 1000 Boxen existieren, stand das in den Regelbüchlein:

„Inquiries regarding rules should be accompanied by a stamped envelope and sent to Tactical Studies Rules, POB 756, Lake Geneva, Wisconsin 53147.“

Dungeons & Dragons, The Underworld and Wilderness Adventures, 1974

Dungeons & Dragons, The Underworld and Wilderness Adventures, 1974

Das Schwarze Auge, anno 1985

Bei unserer Suche nach alten Fotos zur Geschichte des Rollenspiels stoßen wir immer wieder auf längst vergessenen Schätzchen,  wie dieses hier.

DSApressekonferenz

Das Foto stammt aus dem Jahr 1985 und wurde während einer Pressekonferenz auf der Nürnberger Spielwarenmesse  gemacht. „Mensch ärgere dich nicht!“ ist 75 geworden
und die neuen Titel  des deutschen Rollenspiels „Das Schwarze Auge“ (u. a. Abenteuer Ausbau-Spiel, hinten an der Wand) werden vorgestellt.

Die Personen, v.l.n.r: Jürgen Stöhr (Geschäftsführer Schmidt Spiel + Freizeit), Ulrich Kiesow (DSA-Miterfinder), Werner Fuchs (DSA-Miterfinder), Ernst Pohle (Schmidt Spiele).

Die Qualität des Bildes ist leider bescheiden. Falls ihr alte Fotos von Spielemessen, conventions oder anderen Veranstaltungen habt, dann meldet euch bei uns.

Bildcredit: Werner Fuchs

Rolemaster, das Rollenspiel für Wirtschaftsprüfer

Rolemaster2a0001

In einem deutschen Spielekatalog wurde das amerikanische Rollenspiel „Rolemaster“ (RM) Mitte der achtziger als „Rolls Royce unter den Rollenspielen“ bezeichnet. Kein anderes System hatte mehr Zaubersprüche (alleine in der Basisausgabe mehrere tausend), mehr Fertigkeiten, und mehr Schadenstabellen.

Überhaupt mehr Tabellen: Während Fans des Spiels die komplexen detailgetreuen Regeln lobten, verspotteten RM-Hasser das Spiel als „Rulemaster“ oder „Tablemaster“. Wenn man sich diese Fertigkeitstabelle anschaut, ahnt man, warum:

 

rmc2tab

Zur Erklärung: Bei RM  bekam jeder Charakter Entwicklungspunkte, mit denen er so genannte Ranks in Fertigkeiten erwerben konnte. Bei über 200 Fertigkeiten und Dutzenden von Charakterklassen ergab das eine ordentliche Tabelle. Dieser Auszug aus dem „Rolemaster Companion II“ zeigt lediglich eine Seite, insgesamt zog sich die Tabelle über acht Seiten.

Was Walter White 1961 kochte

Walter White 1961 auf dem Cover des Fantastic Magazine – damals kochte er noch Träume in Kurzgeschichten des großen Fritz Leiber. Ach ja: Verlegt hat das Ziff-Davis – Fritz Leiber war also Autor des Verlags, der heute vor allem für IGN, Geek.com und 1UP bekannt ist. Passt ja auch irgendwie.

Unbenannt

Fritz Leiber spricht über Rollenspiele

18 Fritz Leiber Jr 1965-1966 in The Equinox_ Journey Into the Supernatural or Equinox as Dr. Arthur Waterman

Oh Internet! Ich habe gerade zum ersten Mal Fritz Leibers Stimme gehört. Er erzähle von TSR, Gary Gygax und Rollenspielen. Die Aufnahme ist 36 Jahre alt. Am 25, Februar 1977, einem Freitagabend, war Fritz Leiber beim Radiosender KPFK in Nordhollywood zu Gast. Eine Stunde lang erzählt er im Interview vom Schreiben, wie er mit Harry Fischer Fafhrd und den Grauen Mausling erfand, wie sie ein Brettspiel entwickelten, um ihre Welt Nehwon und die Stadt Lankhmar zu erleben und warum dieses Spiel Jahre später, 1976 bei Gary Gygax‘ Rollenspiel-Verlag TSR erschienen ist.

An diesem Freitagabend vor 36 Jahren hörte zum Glück der große Leiberfan Will Hart die Radiosendung. Und er zeichnete sie auf. Die Bänder bewahrte er mehr als drei Jahrzehnte lang auf, er digitalisierte sie vor ein paar Jahren, veröffentlichte den Mitschnitt in seinem Blog und so können wir heute Fritz Leiber hören. Für alle, die ungeduldig sind, ein paar Tipps:

  • ab Minute 8 erzählt Fritz Leiber, wie ihn der Briefwechsel mit Harry Fischer zum Schreiben brachte
  • ab Minute 18 erklärt Fritz Leiber, was Rollenspiele sind
  • ab Minute 30 übers Schreiben und warum Hollywood nichts für ihn ist
  • ab Minute 41 über Schach

Hier die MP3-Datei des Iterview-Mitschnitts bei Will Hart. Hier erzählt Will Hart, wie die Aufnahme zustande kam, hier bei Flickr findet man viele seiner Leiber-Fotos.

Das Farbfoto oben ist eine Szene aus dem Film „The Equinox“ von 1965, in dem Leiber eine Nebenrolle hat. Das Foto hier unten ist am Tag nach dem Radio-Interview entstanden. Beide hat Will Hart archiviert – sein Leiber-Album auf Flickr ist wirklich beeindruckend.

02 Fritz Leiber Jr at A Change of Hobbit 26-Feb-1977 01

Ein neues Logo für die Netzrasterung von NSA und BND

Als neues Symboldbild für Netz-Rasterfahnung der Geheimdienste schlage ich vor: The Beholder, ein wahrlich angsteinflößendes Monster aus der ersten „Dungeons&Dragons“-Ausgabe von 1974. Der Beholder hat viele Augen und jedes davon kann mit anderen Zaubern angreifen – so ähnlich wie die diversen Programme von NSA, BND oder GCHQ.

beholder

Die Beschreibung in der ersten OD&D-Erweiterung Greyhawk von 1974:

These monsters are also known as Spheres of Many Eyes, or as Eye Tyrants. The body of these creatures is a great globe of about 3′ in diameter. Atop it are ten eye stalks, while in the center of the spherical body is a great eleventh eye.

Und hier sein kleiner Bruder, der Spectator (vielleicht passt das besser zum BND?):

spectator

Anything for gold and experience

Monster jagen, Dungeons plündern, mächtiger werden – das ist der Weg der wahren Helden. Wird einem zumindest jeder D&D-Powergamer erzählen. In  China Mievilles Roman „Perdido Street Station“ haben die Helden, die gerade ihre Welt vor seelenraubenden Motten retten, eine ganz andere Sicht auf Abenteurer. Sie diskutieren an dieser leicht als Anspielung auf Rollenspiele zu lesenden Stelle, ob sie ein paar Abenteurer anheuern sollen:

„‚Apparently, there’s a few serious adventurers in town right now, claiming to have just liberated some major trow haul from the ruins in Tashek Rek Hai. Might be up for a little paid work.‘ Derkhan looked up. Her face creased in distaste. She shrugged unhappily. ‚I know they’re some of the hardest people in Bas-Lag,‘ she said slowly. It took some moments for her to turn her mind to the issue. ‚I don’t trust them, though. Thrill-seekers. They court danger. And they’re quite unscrupulous graverobbers for the most part. Anything for gold and experience.'“ (China Mieville: Perdido Street Station)

Wie es in der Einleitung von Tunnels & Trolls heißt:

„The higher the level and the more wealth your character attains, the better you are doing in comparison to all other players.“

Allerdings nicht in Bas-Lag.
T&T_RPG_Scan-130722-0001_web