Robert Howard: Die Geburt von Sword & Sorcery

Hier ein frühes Kapitel aus unserem Buch „Drachenväter – Die Geschichte des Rollenspiels und die Geburt der virtuellen Welt“, dessen Produktion wir per Crowdfunding auf Startnext finanzieren und das im Frühjahr 2014 erscheint. Wir  erzählen darin auch von den kulturellen Einflüssen auf die ersten Rollenspiel-Designer, unter anderem von phantastischer Literatur wie Robert Howards Conan-Erzählungen.

Die meisten Schriftsteller gehen ihrer Arbeit in Stille nach. Sie können sich ansonsten nicht auf die innere Stimme konzentrieren können, die ihnen Wörter und Sätze eingibt.

Nicht so Robert Erwin Howard. Er schrie, während er schrieb.

Alleine in einem Holzhaus in der texanischen Wüste sitzend, brüllte er die Sätze hinaus, während er sie in seine Underwood No. 3 drosch. Und was für Sätze das waren. Wenn man die Geschichten Robert E. Howards liest, dann kann man die Intensität des Schreibprozesses förmlich spüren. Seine Sätze sind „so energiegeladen, dass sie fast Funken schlagen“, wie es der Horrorautor Stephen King einmal formuliert hat. Eine Kostprobe:

„Als er von der Mauer sprang, fällte seine Axt einen der Männer, mit abgetrennter Schulter stürzte er, und als er die Waffe wieder emporriss, zermalmte sie den Schädel eines anderen. Um ihn herum heulten die Schwerter, doch der Tod verpasste ihn um Haaresbreite. Der Cimmerier schien zu verschwimmen, so schnell bewegte er sich. Er war ein Tiger unter Tölpeln, er sprang, wich und wirbelte, ein nie still stehendes Ziel, dessen Axt um ihn herum einen stählernen Kreis des Todes wob.“

Womit wir auch schon bei Howards berühmtester Figur wären: Conan, dem Cimmerier, besser bekannt als Conan, der Barbar. In seiner ersten Geschichte „The Phoenix on the Sword“ beschreibt ihn Howard folgendermaßen:

„Hither came Conan, the Cimmerian, black-haired, sullen-eyed, sword in hand, a thief, a reaver, a slayer, with gigantic melancholies and gigantic mirth, to tread the jeweled thrones of the Earth under his sandalled feet.“

Mit Aragorn oder Ivanhoe hat dieser Kerl nichts gemein. Er ist ein Barbar, kein Edelmann. Conan glaubt an den Gott Crom, der ihm die Kraft verleiht, sein Schwert zu führen, und sonst an nicht allzu viel. Seine Vorlieben sind eher schlichter Natur, wie er in „Queen of the Black Coast“ darlegt:

„I live, I burn with life, I love, I slay, and I am content.“

Conan ist eine Testosteronbombe. Feinde mäht der Akkordschlachter dank seiner (von Howard immer wieder erwähnten) „mächtigen Muskeln“ gnadenlos nieder. Als ihn seine Widersacher in „A Witch shall be born“ überwältigen und ans Kreuz schlagen, wird es zwar kurz eng für ihn. Doch als ein Geier dem malträtierten Helden die Augen auspicken will, beißt der Cimmerier ihm kurzerhand den Kopf ab.

Wunderschöne Frauen hat Conan, natürlich, in Serie. Meist sind es leicht bekleidete Püppchen mit milchfarbener Haut, smaragdgrünen Augen und barbarisch großen Brüsten. Eine tragende Rolle spielen sie nicht, sie sind nur Staffage. Aber diese Klischees tuen der Faszination keinen Abbruch, im Gegenteil. „Conan ist der Held der Helden, jener verwegene Kämpfer, unzerstörbar und unwiderstehlich, der wir alle irgendwann einmal sein wollten“, so der Verleger John D. Clark.

Conan Against Darkness

Wohlwollend kann man über Conan sagen, dass er zwar ein Wilder ist, aber ein edler Wilder. Howard las viel, unter anderem Jack London (Ruf der Wildnis), Rudyard Kipling (Dschungelbuch) sowie Edgar Rice Burroughs (Tarzan). Und so scheint es möglich, dass deren Figuren Conans Vorbilder waren. Der muskulöse Krieger raubt und plündert zwar, aber kaufen kann man ihn nicht. Er ist ein klassischer Abenteurer, einer, dem keiner sagt, wo es lang geht. Conan kämpft nicht für Gott, Krone oder Vaterland, sondern für sich selbst. Hätte Gandalf der Graue versucht, den Cimmerier mit einem Ring nach Mordor zu beordern, hätte ihn das mehr als nur seinen Zauselbart gekostet. Vermutlich hätte Conan den Ring in der nächsten Spelunke verhökert und den Erlös in die Schankmaid investiert.

Mehr als 75 Jahre nach seiner Geburt ist Conan heute eine der bekanntesten Figuren des Fantasygenres. Sofort denkt man bei seiner Erwähnung an muskelbepackte Schwertschwinger, um deren Beine sich nubile, leicht bekleidete Grazien ranken, an Arnold Schwarzenegger, an schlechte Power-Metal-Plattencover und nicht zuletzt an Rollenspiele wie „Dungeons & Dragons“.

Davon ahnte der junge Mann, der in einer 900-Seelen-Gemeinde namens Cross Plains nächtens brüllend in die Tasten haute, freilich nichts. Robert E. Howard, einziger Sohn eines reisenden Arztes und einer an Tuberkulose erkrankten Frau, war kein Erfolgsautor, geschweige denn ein Schöngeist. Der am 22. Januar 1906 nahe Fort Worth geborene Schriftsteller war Zeit seines Lebens nie aus Texas herausgekommen. Und das Schreiben war für ihn nicht Lust, sondern Broterwerb. Howard war das, was die Amerikaner einen „Hack“ nennen, jemand, der für schnelles Geld Texte am Fließband produziert.

Für Romane und Novellen hat der Autor, der sich neben der Arbeit um seine schwerkranke Mutter kümmern muss, keine Zeit; stattdessen schreibt er für jene Groschenhefte, die sich während der Great Depression, der US-Wirtschaftskrise der Zwanzigerjahre, enormer Popularität erfreuen. Sie tragen Titel wie „Weird Tales“, „Argosy“ oder „Amazing Stories“. In den Geschichten steht Action im Vordergrund, meist sind sie simpel gestrickt und laufen nur über ein paar Doppelseiten. Man nennt die Hefte „Pulps“, nach dem billigen Papier, auf dem sie gedruckt werden. In den Augen der meisten Menschen handelt es sich um Schund.

Für die Pulps schreibt Howard über 150 Geschichten. Boxgeschichten, Western, Erotik oder Seemannsabenteuer. Darunter sind auch viele Fantasyerzählungen. Keine epischen Weltenkriege à la „Herr der Ringe“, sondern schlichte Stories, in denen der Held in eine Festung eindringt, ein paar Monster umhaut und sich dann mit dem Schatz und der vollbusigen Prinzessin aus dem Staub macht. Es ist die Art von Geschichten, die man als Sword & Sorcery (Muskeln & Magie, gewissermaßen) bezeichnet.

Genauer gesagt sind es die Sword & Sorcery-Geschichten. Denn als Howard die ersten zu Papier bringt, gibt es keine Fantasyliteratur, geschweige denn Subgenres wie High und Low Fantasy. Nur der Brite Lord Dunsany hatte schon etwas in der Art versucht, und viele hundert Kilometer weiter nördlich, in Rhode Island, schrieb Robert Howards Brieffreund Howard Phillips Lovecraft gruselige Phantastikgeschichten. Aber Fantasy in dem Sinne, wie wir sie heute kennen, ist ein Novum. Entsprechend gab es für das, was Howard tat, noch keinen Namen – das Etikett Sword & Sorcery kreierte erst 30 Jahre später Fritz Leiber in einer Debatte, der der britische Autor Michael Moorcock angestoßen hatte.

Besonders erstaunlich ist, dass Howard für seinen Helden eine komplette Welt erschafft. Heute wäre das im Fantasygenre Gang und Gäbe, damals ist es revolutionär. Bevor er seinen Barbaren auf die Leser loslässt, verfasst der Schriftsteller ein Essay namens „The Hyborean Age“. Dieses hyperboreische Zeitalter verortet er darin 10.000 Jahre vor dem unsrigen. Der pseudoanthropologische Text erklärt, welche Volksstämme es gibt und welche Götter angebetet werden. Dazu zeichnet Howard zwei Karten.

Als H.P. Lovecraft von diesem Essay erfährt, ist er völlig aus dem Häuschen „Das ist großartiger Stoff“, schreibt er an einen Freund. „Er besitzt eine umfassende Vision (seiner Welt), in der die Entwicklung und das Zusammenspiel der Rassen und Nationen über lange Zeitabschnitte beleuchtet werden.“ Oft wird J. R. R. Tolkien als der erste Weltenbauer angesehen, weil er sein Mittelerde so unglaublich detailliert beschrieben hat, inklusive eigener Sprachen und Schriften. Der Oxford-Philologe Tolkien mag gründlicher gewesen sein als der Hack Howard. Aber dem Texaner gebührt eindeutig die Ehre, der erste gewesen zu sein.

Howard schreibt und schreibt. Als er 1932 in „Weird Tales“ die erste Conan-Geschichte „The Phoenix on the Sword“ veröffentlicht, ist er 25 Jahre alt und befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Packend sind seine Geschichten und beachtlich in Anbetracht der Tatsache, dass er sie nach dem Tippen meist nur noch einmal durchsieht. Es folgten „The Scarlet Citadel“, „The Tower of the Elephant“ sowie 14 weitere Conan-Abenteuer. Danach schreibt Howard nur noch ein paar Westernstories, bevor er sein Leben beendet.

Denn Robert E. Howard ist kein glücklicher Mensch. Häufig launisch und verschwiegen, neigt er mitunter zu Wutausbrüchen. Vor denen haben selbst seine Freunde Angst, denn der Texaner ist ein Bulle von einem Mann. Als Teenager hat Howard begonnen, mit Gewichten zu trainieren und zu boxen, weil er wegen seiner schmalen Statur in der Schule oft Prügel bezog. Dank des Sports könne er, wie er seinem Vater erklärt, „einen Schurken, der mir über den Weg läuft, mit den bloßen Händen in Stücke reißen“. Freunden berichtet Howard von trunkenen Autofahrten ins Umland, von Schlägereien in abgelegenen Spelunken. Der Schriftsteller, so steht es in einer seiner Biographien, soll mitunter ohne erkennbaren Grund auf der Straße angehalten haben, um Schattenboxkämpfe mit imaginären Gegner auszufechten.

Irgendetwas brodelt in Howard. Freunden gegenüber deutet er Mitte der Dreißigerjahre an, nur seine kranke Mutter halte ihn noch am Leben. Als Hester Howard im Sommer 1936 nach langem Siechtum in ein Koma fällt, fragt ihr Sohn die Krankenschwester, ob seine Mutter je wieder erwachen werde. Diese verneint es. Howard geht daraufhin zu seiner Schreibmaschine, spannt ein Blatt ein und tippt einen Zweizeiler aus „House of Caesar“ von Violin Gavin:

All fled – all done, so lift me on the pyre;
The feast is over and the lamps expire.

Es ist das letzte, was Robert Erwin Howard schreibt. Danach steigt er in sein Auto, nimmt einen Revolver aus dem Handschuhfach und schießt sich eine Kugel durch den Kopf.

So kurz und entbehrungsreich Howards Leben war, so lang und vielfältig sollte das seines Helden Conan werden. Nach dem Tod des Schriftstellers veröffentlichte „Weird Tales“ noch ein paar Geschichten, danach geriet der schwarzhaarige Barbar mit den mächtigen Muskeln zunächst in Vergessenheit.

Doch Conan hatte treue Gefolgsleute. Unter ihnen war der Physiker und Science-Fiction-Fan John D. Clarke. Er hatte in den Dreißigerjahren eine Karte Hyperboreas entworfen und diese von Howard korrigieren lassen. Als der Kleinverlag Gnome Press die Conan-Geschichten in in den Fünfzigern wieder auflegen will, stellt Clarke das Material zusammen. Conan lebt also weiter, wenn auch als Nischenprodukt. In den Sechzigerjahren sortiert der Autor Lyon Sprague de Camp die Conan-Geschichten für den Lancer-Verlag nochmals neu und bringt sie in eine chronologische Reihenfolge. Anders als bei Gnome erscheinen die Bände nun, in den Jahren 1966 und 1967, erstmals in dem immer populärer werdenden Taschenbuchformat.

Eingefleischte Fans sollten später kritisieren, Sprague De Camp habe zu sehr an Howards Geschichten herumeditiert, gar eigene dazuerfunden. Aber aus Marketingsicht ist das, was er und Lancer tun, ein Geniestreich. Conan wird erstmals zu einer richtigen Marke aufgebaut. Die Bücher, deren Preis bei erschwinglichen 60 Cent liegt, bekommen eine einheitliche Nomenklatur („Conan the Adventurer“, „Conan the Wanderer“ etc.) und einheitliche Cover. Für diese engagiert der Verlag den damals noch unbekannten Comizeichner Frank Frazetta. Er ist der ideale Mann für den Job: Frazetta zeichnet einen wilden, urtümliche Energie ausstrahlenden Krieger mit ausdefinierten Muskeln, der mit seinem mächtigen Schwert Monster niedermäht.

Viele kaufen das erste Buch nur wegen des Covers; von Conan haben sie zuvor noch nie etwas gehört, aber Frazettas Zeichnung beschreibt besser als jede Inhaltsangabe, was den Leser erwartet. Auch einem Spielefan aus Lake Geneva in Wisconsin fallen die Bücher in die Hände. Er heißt Gary Gygax, und er verschlingt sie alle. Später wird der Co-Erfinder des ersten Rollenspiels, „Dungeons & Dragons“, damit angeben, er habe alles gelesen, was Howard je geschrieben habe. Auch sein Kompagnon Dave Arneson liest einige der Lancer-Bände. Die Geschichten seien, wie er später trocken bemerkt „alle ziemlich gleich“. Dennoch sind die Conan-Abenteuer interessanterweise die einzige Quelle, welche die recht unterschiedlichen D&D-Erfinder später beide angeben werden, wenn man sie nach ihren Inspirationsquellen fragt.

Gygax erklärte einmal, Howard sei für ihn erheblich wichtiger gewesen als Tolkien: „Ich habe mich durch seine Bücher gegähnt. (…) Hobbits sind mir immer noch total egal.“ Und auch der in Sachen Conan nicht ganz so enthusiastische Arneson erklärt 1995, das „Plündern, Rauben und Morden“ bei Conan und Idee des „Monster bekämpfenden Helden“ habe ihn bei der Konzeption von D&D inspiriert. Andere Rollenspieldesigner nennen Conan ebenfalls als eine ihrer wichtigsten Quellen, etwa Ken St. Andre, der Erfinder von „Tunnels & Trolls“.

Die Lancer-Edition beeinflusst zahllose weitere Nerds, die zur Zeit des Erscheinens Teenager sind. Sie wird der Durchbruch sowohl für Conan als auch für Frazetta. Letzterer sollte der Hauszeichner der Fantasyszene werden, sein Artwork ziert zahllose Rollenspiel- und Plattencover. Frazettas Gemälde „Death Dealer“, das einen schwer gerüsteten dunklen Ritter auf einem Schlachtross zeigt, ist so eine Art Che Guevara des Genres – jeder Fantasyfan kennt es, in den Siebzigern und Achtzigern verschönert es als Poster zahllose Jugendzimmer.

Denn nun ist Fantasy plötzlich in. Parallel zur Lancer-Edition verbreitet sich in den USA zu dieser Zeit die Taschenbuch-Raubkopie eines anderen Fantasyromans: „Der Herr der Ringe“. „Jeder Hippie las den“, erinnert sich Werner Fuchs, Miterfinder von „Das Schwarze Auge“ und Doyen der deutschen Rollenspielszene. Selbst Menschen, die weder einen Hang zur Phantastik noch zum Spielen hatten, interessieren sich nun für Elfen und Zauberer. Fantasy-Kunstbände mit Drachen, muskulösen Helden und hübschen Mädchen in Kettenhemd-Bikinis sind auf einmal im regulären Buchhandel erhältlich.

Davon profitiert auch der wilde Cimmerier. Conans Abenteuer werden immer wieder neu aufgelegt. Der Comicverlag Marvel (Superman, Spiderman) bringt mehrere Serien heraus. Eine von ihnen, „Savage Sword of Conan“, ist in den Siebzigern eine der populärsten der USA, sogar in kurzen Newspaperstrips taucht der Barbar auf.

Diese wachsenden Popularität kann nur einen logischen Endpunkt haben: Hollywood. Mitte der Siebziger schreibt Oliver Stone ein erstes Drehbuch. Produziert wird der Film nach einigen Verzögerungen dann von dem Italiener Raffaela De Laurentiis. Für die Hauptrolle engagiert man Arnold Schwarzenegger. Der Österreicher hat durch seine Bodybuilding-Dokumentation „Pumping Iron“ eine gewisse Popularität erlangt, als Schauspieler ist er hingegen noch nicht aufgefallen. Bei seiner bis zu diesem Zeitpunkt einzigen tragenden Rolle in „Hercules in New York“ (1970), hatte man Schwarzeneggers Stimme nach dem Dreh komplett nachsynchronisieren müsse, weil sein von einem steirischen Akzent durchsetztes Englisch völlig unverständlich war.

Das alles ändert sich 1982 mit dem Filmstart von „Conan the Barbarian“. Die Figur kommt der „Steirischen Eiche“ entgegen, denn sie hat wenig Text und teilt stattdessen kräftig aus. Einer Zählung zufolge mäht der Film-Conan im Schnitt alle zwei Minuten einen Gegner nieder (insgesamt sind es fast 60). Die Kritiken sind durchwachsen. Während Amerikas bekanntester Filmkritiker Roger Ebert das zweistündige Epos als „eine perfekte Phantasie für unzufriedene Teenager“ bezeichnet, nennt „Der Spiegel“ Conan einen „prähistorischen Komischmasch-Film“. Das „Time-„Magazin erklärt den Schwarzenegger-Streifen zu „einer Art psychopathischem Star Wars, dumm und stumpfsinnig.“

Der Film spielt dennoch alleine in den USA fast 70 Millionen Dollar ein. Ein zweiter Teil namens „Conan the Destroyer“ folgt 1985. Schwarzenegger wird zum Weltstar und Conan viel mehr als ein Fantasyheld: Er ist spätestens seit den Verfilmungen (inzwischen gibt es diverse Remakes, das letzte von 2011) zu einer Ikone der Popkultur aufgestiegen und metzelt nun in derselben Liga wie Dracula oder Tarzan.

Genau wie diese anderen, ursprünglich der Literatur entstammenden Helden, hat der populäre Barbar für den Ruhm einen Preis zahlen müssen: Er ist nicht mehr er selbst. Der Popkultur-Conan hat nicht mehr viel mit der Urfigur zu tun, sondern ist zu ihrem Zerrbild geworden. Schwarzeneggers Conan der Barbar, der bis heute das Gesamtbild prägt, ist nämlich ein weitaus tumberer Geselle als Howards Conan der Cimmerier. Letzterer wird oft als Mann von raubkatzenhafter Schnelligkeit beschrieben; er geht nicht immer mit dem Kopf durch die Wand, sondern wendet mitunter auch Listen an. Folgt man den Archetypen Homers, dann ist Howards Conan eher ein Odysseus, die Hollywood-Variante hingegen ein wütend draufdreschender Achill.

Wie zu erwarten hassen viele der eingefleischten Fans die Filme deshalb mit jener Inbrunst, mit der nur wahre Nerds hassen können. Allen voran kippt Gary Gygax sein (stets reichlich vorhandenes) Vitriol über das Werk aus. Kurz nach dem Filmstart 1982 veröffentlicht er in der D&D-Hauszeitschrift „Dragon“ eine Rezension:

„‚Conan trifft die Blumenkinder des Set‘ wäre wohl der bessere Titel gewesen – falls es Ähnlichkeiten zwischen der cineastischen Version von Conan und jener Robert E. Howards gibt, so sind diese rein zufällig. Falls Sie den Howard’schen Conan respektieren, rate ich Ihnen, dem Kino fernzubleiben. Ansonsten steht Ihnen eine große Enttäuschung bevor.“

Gygax Kritik ist ein wenig überzogen und unfair; der Schwarzenegger-Film ist weitaus besser als sein Ruf, vor allem wenn man bedenkt, was Hollywood dem Fantasygenre über die Jahre so alles angetan hat. Andererseits muss man dem D&D-Erfinder zugute halten, dass er den Film nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus enttäuschter Liebe hinrichtete, denn Gygax’ Begeisterung für Conan muss schier grenzenlos gewesen sein. Lange bevor er D&D entwarf, soll er ein Brettspiel entwickelt haben, das eine Karte Hyperboreas verwendete (Diese Ankedote kursiert unter Spielern; nachprüfen lässt sie sich jedoch kaum).

In derselben „Dragon“-Ausgabe, in der sich Gygax über den Film erregte, setzte er Conan auch ein Denkmal. Er veröffentlichte einen Artikel, in dem er eine neue Charakterklasse für D&D beschrieb: „The Big, Bad Barbarian“. Mithilfe der Zusatzregeln konnten Millionen von Rollenspielern nun ihre eigene Version Conans spielen, und sie taten es mit Gusto.

Die Produktion von „Drachenväter – Die Geschichte des Rollenspiels und die Geburt der virtuellen Welt“ könnt Ihr hier per Vorbestellung unterstützen. Danke!

(Der Auszug erschien zuerst bei Zuspieler.de)